Textauszug für Neugierige

aus dem 11. Kapitel: Die Ehegatten unter sich

Um halb zwölf richtet Helen sorgfältig aber diskret ihr makeup (ich liebe den französischen Ausdruck: elle s’est fait une beauté....), etwas mehr als in Engelstetten sonst üblich, wie für ein galantes rendez-vous, und dieser Gedanke ist vielleicht nicht einmal so abwegig. Sie fährt in ihrem eleganten Wagen los in Richtung auf die Hügel der Umgebung, die Landschaft ist lieblich, aber Helen ist sehr konzentriert, sie empfindet den Ernst der Lage, das Radio ist abgestellt.

Auch Peter steuert seinen dunklen, grossvolumigen BMW durch die Voralpenlandschaft, er hört dabei Nachrichten, denkt abwechselnd an das, was ihm wohl mit Helen bevorsteht und an die hängigen Probleme bei Kappeler. Und da sagt man, Frauen täten oft mehrere Dinge auf’s mal während Männer sich in Kenntnis der Begrenztheit ihrer Fähigkeiten eher beschränken würden!

Peter erreicht als erster den Parkplatz vor dem Gasthof Löwen auf dem Unteren Boden. Ein stattliches ehemaliges Bauernhaus, schon vor langem zum Gasthaus umgebaut. Davor steht ein grosser alter Nussbaum. Die Sicht in’s Tal ist wunderbar, wie gemalt auf den naiven Bildern der Alpaufzüge, die an den Ställen der Bauernhäuser hängen. Er steigt aus, schliesst den Wagen und macht einige Schritte, um auf Helen zu warten, die nach wenigen Minuten auch vorfährt. Er öffnet ihr galant die Wagentüre, sie steigt aus, schliesst nicht ab. Kein Küsschen, Peter ergreift Helen beim Arm und geleitet sie zum Eingang, wo sie der Wirt mit Händedruck begrüsst: „Guten Tag Herr Doktor Lehnherr, willkommen Frau Doktor, wir freuen uns, dass Sie wieder einmal bei uns sind bei dem schönen Wetter. Wie uns Frau Huber gesagt hat, möchten Sie gerne ungestört sein. Wir haben im Kachelofen-Stübli für Sie reserviert, da sind Sie ganz allein, heute ist am Mittag nicht viel Betrieb.“

Er geht voraus durch die Wirtsstube, in der bereits einige Gäste sitzen, von denen die meisten natürlich die Lehnherrs kennen und grüssen. Peter grüsst distanziert zurück um klar zu machen, dass er nicht in Gespräche verwickelt werden möchte und Helen nickt freundlich. Dass sie sich im separaten Stübchen niederlassen wird wohl einige Kommentare absetzten.

Peter wählt einen Tisch an der Reihe der freundlichen kleinen Fenster, die den Blick in’s Tal freigeben und rückt Helen galant den Stuhl zurecht. An der Form soll es nicht fehlen. Das Stübchen ist urgemütlich, es fehlt auch nicht der obligate Kachelofen. Er wird heutzutage, weniger mühselig als früher, mit Öl geheizt und deshalb ist er auch heute leicht warm, was nach der feuchten kühlen Witterung der vorangegangenen Tage die Stube angenehm temperiert. Die Wirtin erscheint persönlich mit Menu- und Weinkarten und grüsst, ebenfalls mit Händedruck: „Was ich besonders empfehlen könnte sind frische Bachforellen, nicht aus der Zucht. Hans (anscheinend der Wirt) hat sie gestern gefangen und in’s Aquarium getan. Es hat auch die ersten Spargeln und wilden Bärlauch aus dem Wald, falls Sie den in einer Sauce mögen. Wünschen Sie einen Apéritif?“

„Bringen Sie uns einfach eine kleine Karaffe von Ihrem Féchy und etwas Brunnenwasser, das ist ja so gut hier oben.“

Wie die beiden nun erstmals nach den Eingangsformalitäten sich allein gegenüber sitzen, schauen sie sich erst einmal forschend in’s Gesicht; forschend im Sinne der Erforschung der Wetterlage. Helen sieht die Anspannung von Peter und er, ehrlich gesagt, sieht vor allem, dass Helen sehr hübsch aussieht. Ihm fällt auf, dass er sie hier in nicht-Routine-Umgebung anders betrachtet als jeweils zuhause. Eine gut aussehende Frau hat einfach Vorteile und das wird von anderen, weniger verwöhnten Frauen oft als unfair oder als Zeichen der Dummheit der Männer gewertet. Das ist aber falsch, denn über die statuenhafte Schönheit hinaus, die gewissermassen auch als nature morte zur Geltung kommt, gibt es jene, die von positiven Gefühlen ausgelöst wird, die im Gesichtsausdruck eines Menschen (Mann oder Frau) strahlen können, sodass auch hässliche Exemplare schön werden. So haben eigentlich alle ihre Chance. Männliche Schönheit ist zweischneidig: während der Begriff des „gut aussehenden Mannes“ vor allem auf den physisch, in Gesicht, Gestalt und Haltung zum Ausdruck kommenden Charakter zielt und in jedem Fall als Kompliment zu werten ist, ist der Begriff des „schönen Mannes“ oft mit negativen Konnotationen verbunden. Da aber Helen schön und Peter gut aussehend ist, sind die Waffen gerecht verteilt für die bevorstehende Auseinandersetzung.

Peter versucht, das Gespräch vorsichtig in Gang zu bringen, indem er neutrales, aber familiäres Terrain betritt: „Konntest Du die Kinder Sonja überlassen, oder vielleicht ist es eher umgekehrt?“

„Ja Sonja ist zum Mittagessen dageblieben und nachher will sie anscheinend Roman besuchen gehen.“

„So, so, da wird sich Roman sicher freuen..........“ aber Peter will doch rasch zur Sache kommen: „Also, Helen, nun sag, was los ist. Ich kann mir schon vorstellen, dass die Angelegenheit mit der eventuellen Stillegung Dich beunruhigt, aber was hat denn das mit uns beiden zu tun? Du hast ja am Telephon fast dramatisch geklungen!
 
“Ja Peter, ich weiss, dass Du es lieber hast, wenn alles kühl überlegt und geordnet abläuft. Aber.....“

Die Serviertochter bricht ein: „Nehmen Sie auch Wein, Frau Doktor?“
 
Das Gespräch stockt natürlich und Peter sagt: „Wein für beide und stellen sie das Wasser einfach hin.“ um sie rasch zu verscheuchen.

„Peter, in letzter Zeit ist in mir viel vorgegangen. Du konntest es nicht bemerken, Du warst kaum je da und wenn, so waren keine Gespräche möglich, die Kinder haben dann Priorität. Aber diese Frage der Stillegung wurde zum Kristallisationspunkt und plötzlich sind mir Dinge klar geworden...“

Die Wirtin drängt sich pflichtgemäss in die Konversation: „Haben sich die Herrschaften schon entschieden?“ Helen greift schuldbewusst zum Menu, das sie, wie übrigens auch Peter, unbeachtet gelassen hat, sagt dann aber zu Peter: „Ach was, bestell mir irgend etwas Leichtes!“ und Peter ist schnell entschlossen wie immer: “Bringen Sie uns zwei mal Spargeln zur Vorspeise, mit einer Vinaigrette, und dann zwei Bachforellen blau mit Salzkartoffeln. Für meine Frau einen kleinen gemischten Salat.“ Bärlauch ist anscheinend nicht beliebt. „Sehr gern Herr Doktor“ und sie geht ab unter Mitnahme der Karten.

„Peter, dieses Projekt und die Art, wie Du darüber sprichst, haben mir in greller Klarheit gezeigt, wie verschieden wir sind oder vielleicht, wie verschieden wir geworden sind. Diese Stillegung ist doch etwas ungeheuerliches, kaltes, unmenschliches. Die Vorstellung, dass du dahinter stehst, das anstrebst und wahrscheinlich durchführst, das treibt einen Keil zwischen uns. Ich kann mir nicht vorstellen mit jemandem zusammenzuleben, der so viele Menschen in’s Unglück stürzt.“

„Aber Helen, ich bin doch kein Unmensch, bloss weil ich vernünftig sein und wirtschaftlich handeln muss! Man muss doch die beiden Gebiete trennen können, die beruflichen Notwendigkeiten und die privaten Einstellungen.Siehst Du das nicht ein?“

„Ich will das nicht einsehen und ich kann die beiden Gebiete nicht trennen, ich bin ein Mensch, nicht zwei. Und ich will nur einen Mann haben. Auf die vernunftmässigen Argumente Deines Planes will ich gar nicht eingehen, dafür hast Du genügend andere Gesprächspartner und dort gewinnen Deine Fakten sicher die Oberhand. Peter, ich bin nicht mehr dieselbe wie früher, jedenfalls nicht mehr nur die brave Fabrikantentochter, vorbildliches Mitglied der Engelstätter Crème de la Crème, erfüllte Mutter, Hausfrau und Gastgeberin, Stützpfeiler des Gesellschaftslebens unserer ach so engen Kreise. Peter, mir sind die Augen aufgegangen. Es hat lange gegärt, aber jetzt ging es rasch. Und diese Stillegung ist nur der Anlass, der das alles an die Oberfläche bringt.“

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Dies ist die dramatische Geschichte eines fiktiven Familienunternehmens, die mit Feinfühligkeit, aber auch beissender Ironie, den Materialismus unserer Zeit brandmarkt und in die Vision einer utopischen Welt mündet, in welcher menschliche Wärme zum wichtigsten Masstab für unser eigenes Verhalten wird.